Z wie Zitrone...

Welche Farbe hat eine Zitrone, wenn Sie sie durch eine Brille mit blauen Gläsern betrachten?

 

Grün sagen Sie? Dann lesen Sie bitte noch einmal die Frage. Und? Nun, die Farbe der Zitrone ist faktisch natürlich immer noch gelb. Aber es kann gut sein, dass Sie die Farbe durch den Blaufilter der Gläser grün wahrnehmen. Doch was gilt jetzt? Wo liegt die Wahrheit. Welches Bild wählen Sie als das wahre Bild? Jenes, das Sie durch einen Filter sehen oder jenes, das von der Zitrone vermittelt wird? Etwas gesucht, finden Sie? Kann sein, doch es zeigt sehr anschaulich, wie wir Menschen Bilder und damit  auch Botschaften interpretieren oder eben filtern. Wir filtern immer.

 

Filter haben verschiedenste Aufgaben, die in vielen Situationen auch hilf­reich sind. So sorgt es neben vielem Anderen auch dafür, dass wir den weitaus grössten Teil aller Informationen unbewusst wahrnehmen und verarbeiten. Es gelangt also nur ein geringer Teil davon direkt in unser Bewusstsein. Einige Zahlen liegen bei zehn bis zwanzig Prozent, andere liegen noch weit tiefer. Wie dem auch sei, helfen uns Filter, uns im Alltag zu Recht zu finden.

 

Um also wirklich zu erkennen, welche Farbe die Zitrone hat, gibt es nur ein Mittel: wir müssen die Brille abnehmen. Doch das hat einen ganz gewaltigen Haken: Um eine Brille abnehmen zu können, müssen wir uns überhaupt zuerst darüber bewusst werden, dass wir eine Brille tragen! Und genau so verhält es sich mit den Filtern. Erst wenn wir wissen, dass sie existieren und wie sie funktionieren, können wir beginnen, uns mit ihnen zu beschäftigen. Und damit beginnen wir, unsere Art der Interpretation zu hinterfragen. Denn eines ist klar:

 

Die Art und Weise, wie wir etwas wahrnehmen,

entscheidet über die Art und Weise wie wir darauf reagieren.

 

 

So wie wir also alle Signale, die uns erreichen, unbewusst filtern, so filtern wir damit auch alle Botschaften, die ein Sender uns zukommen lässt. Diesen Filtern hat sich in besonderem Masse Friedemann Schultz von Thun gewidmet. Er hat vier Filtersysteme definiert, die unser Unter­bewusst­sein stetig in Bewegung sind. Sie werden Sach-Filter, Selbstoffen­ba­rungs-­Filter, Bezieh­ungs-Filter und Appell-Filter genannt. Schultz von Thun spricht dabei auch von den vier Ohren, mit denen wir Botschaften hören.

Je nachdem, was wir erlebt haben, wie wir uns fühlen, mit wem wir gerade kommunizieren und welche Absichten wir haben, filtern wir Botschaften unbewusst nach jenen Inhalten, auf die diese vier Filter spezialisiert sind.

 

Durch den Sach-Filter empfangen wir die reine Information, die die Nach­richt enthält. Es geht hierbei um Fakten, Zahlen, Daten, also den reinen faktischen Inhalt der Äusserung. Als Empfänger werden Sie auf dieser Ebene entscheiden, ob der Sachinhalt wahr, unwahr, nachvollziehbar, sinnvoll sowie relevant oder irrelevant ist und ob diese Botschaft für Sie ausreichende oder nicht ausreichende Informationen beinhaltet.

 

Jeder, der kommuniziert, gibt auch immer etwas über sich preis, was wir über den sogenannten Selbstoffenbarungs-Filter [>S wie Selbstoffen­ba­rung, Kapitel II] erfahren. Dieser Filter untersucht die Botschaft des Senders nach Informationen, die der Sender über sich offenbart und gibt Antwort auf Fragen zu den Gefühlen des Senders, seinen Zustand, seine Wünsche. Diese Selbstoffenbarung kann explizit (deutlich) via Ich-Botschaft kommuniziert werden oder aber implizit, also nicht ausdrücklich ausgesprochen werden. Auch hier wird die spontane Interpretation solcher möglicher Inhalte durch den Empfänger seine Reaktion beeinflussen.

 

Der Beziehungs-Filter [>B wie Beziehungs-Filter, Kapitel II] vermittelt dem Empfänger, wie der Sender zum Empfänger steht und was er folglich von diesem hält. Doch Achtung! Diese Information entsteht aus Ihrer eigenen unbewussten Interpretation.  Ob Ihre Wahrnehmung den Tatsachen ent­spricht, bleibt offen. Wenn Sie also eine Nachricht auf dem Beziehungsohr hören, können Sie sich wertgeschätzt, respektiert, verstanden, bestätigt aber auch gedemütigt, missachtet sowie abgelehnt fühlen. Es fällt auf, dass viele Menschen über ein dominantes, also ausgeprägtes Beziehungsohr verfügen.

 

Wer kommuniziert, tut dies bekanntlich immer aus einem ganz bestimmten Motiv. Kurz: er möchte etwas. Dieser Punkt wird auf der Appellebene berücksichtigt. Der Appell-Filter [>A wie Appell, Kapitel II] untersucht für Sie,  was der Sender von Ihnen will und was er erreichen möchte. Auf der Appell­seite können Wünsche, Aufforderungen, Ratschläge oder An­wei­sungen erkannt werden, die entweder offen oder verdeckt erscheinen. Hören Sie eine Nachricht mit Ihrem Appellohr, fragen Sie sich: Was soll ich jetzt tun?

 

Lassen Sie mich noch einmal betonen, dass diese Filter in der Regel völlig autonom und durch unser Unterbewusstsein gesteuert werden. Das heisst, dass es gut möglich ist, dass wir Inhalte, Zustände, Bewertungen und Absichten heraushören, die so niemand wirklich geäussert hat.

Natürlich kann auch der Sender seinen Part dazu beitragen, dass Absichten und Wünsche klar erkennbar sind. Doch eine Garantie dafür gibt es nicht.